URL dieser Seite: https://hamburg-harburg.igbce.de/-/Vq2

16.04.2019

Report April 2019

Zwischen Masterplan Industrie und „Stadt der Guten Arbeit“

HAMBURG // Hier das Angebot für ein Bündnis für die Industrie der Zukunft und eine gemeinsame Haltung für den Industriestandort Hamburg und den Masterplan Industrie weiterzuentwickeln, dort ein Pläydoyer, mehr zu tun für Hamburg als Vorzeige-„Stadt der Guten Arbeit“: Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann und Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger stellten sich in getrennten Interviews den Fragen der „Report“-Redaktion.

Industrie ist wieder in den Fokus der Politik gerückt. „Das ist gut so“,
sagt IG BCE-Bezirksleiter Jan Koltze, „denn wir müssen unsere Anliegen gerade wegen des Wandels zu Industrie 4.0 und den auch problematischen Folgen der Energiewende deutlicher denn je vortragen.“

Das erlebten auch die Ministerpräsidenten der norddeutschen Bundesländer im Gespräch mit Vertretern der DGB-Gewerkschaften Senator Michael Westhagemann blickte im „Report“ voraus: „Gerade in konjunkturell schwierigen Zeiten hat die Industrie immer als stabilisierender Faktor gewirkt.“ Zum Masterplan sagte er: „Inwieweit weitere Handlungsfelder hinzugefügt werden sollen, muss mit den Partnern aus der Industrie abgesteckt werden.“

Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger sagte dazu dem „Report“: „Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte müssen zusammen gedacht werden, nur so gelingt ein gerechter Strukturwandel.“

Katja Karger: „Für die ‚Stadt der Guten Arbeit‘ streiten“

Über ihre Erfahrungen im Gespräch mit Beschäftigten in Betrieben der IG BCE-Branchen, über die Anstrengungen des DGB für eine höhere Akzeptanz der Industrie in der Gesellschaft äußert sich Katja Karger im Interview mit dem „Report“.

Du hast mit Rajko Pientka drei IG BCE-Betriebe in Harburg
besucht. Wie sind deine Erkenntnisse?

Karger: Wir waren bei Vibracoustic, Phoenix und Carlisle. Zunächst: Harburg liegt ja gern außerhalb des „Hamburger Radars“. Das tut den Unternehmen und den Beschäftigten Unrecht. Diese Industrie ist sowohl für Harburg als auch für Hamburg und für die Region relevant. Und: Auch heute wird dort noch zum Teil harte Knochenarbeit geleistet.

Inwiefern nutzt eine solche Bereisung den Beziehungen zwischen dem DGB und den Einzelgewerkschaften, hier also zur IG BCE?

Karger: Das ist die dritte Erkenntnis: Sie zeigt auch hier, wie wichtig, notwendig und ideal eine gute Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsgewerkschaften und dem DGB ist. Viele betriebliche Probleme lassen sich nicht mehr betrieblich lösen – wie z. B. bei Vibracoustic die Verkehrs- und Parkplatzsituation. Da kann der DGB mit seinen Kontakten und Kenntnissen und im Zusammenspiel mit der IG BCE, dem Betriebsrat und den Vertrauensleuten gut behilflich sein.

Kannst du eine solche Hilfestellung beispielhaft konkretisieren?

Karger: Vibracoustic bietet sich gut dafür an: Das Park- und Verkehrsthema wird auf mehreren Feldern bewegt werden müssen, und viele Gespräche werden zu führen sein, um es zu lösen. Wir beim DGB haben diese Kontakte. Zum einen in Richtung Bezirksverwaltung und Bezirkspolitik über unseren DGB-Ortsverein Harburg. Wir werden vermutlich auch Unterstützung durch die Staatsräte Wirtschaft und Verkehr der Wirtschaftsbehörde benötigen bis hin zum Bürgermeister und zur Hamburger Politik – denn die P&R-Gebühren z. B. sind keine Angelegenheit des Bezirks mehr.

Wie geht es weiter mit den Bereisungen?

Karger: Von Anfang an war mir wichtig, die Arbeitsbedingungen in den Betrieben mitzubekommen. Ich war im Kindergarten, der Hefeproduktion, auf dem Containerschiff oder im Alu-Werk – und das wird auch so weitergehen. Die Arbeit in Hamburg ist vielfältig und die Bedingungen auch. Ich kann meine Aufgabe nur gut erfüllen, wenn ich weiß, wo den Beschäftigten, den Betriebs- und Personalräten und den Gewerkschaften konkret der Schuh drückt. Industrie konkurriert mit anderen städtischen Nutzungen.

Was kann der DGB tun und was unternimmt er für die bessere Akzeptanz der Industrie in Hamburg?

Karger: Stadtgesellschaften sind immer in einem Verhandlungsprozess, weil wir uns laufend verändern: Bedürfnisse, Erwartungen und Toleranzen bleiben nicht ewig gleich. Das gilt für Verkehr, für Wohnen und eben auch für die Industrie. Transparenz und Aufklärung sind wichtige Faktoren in diesem Prozess. Aufgabe des DGB ist, mit diesen Informationen zu vermitteln, Brücken zwischen den verschiedenen Interessen zu bauen, Kompromisse zu erreichen. Industriearbeit ist die Grundlage unseres Wohlstands – darauf müssen wir gut Acht geben, trotz aller Veränderungen.

Was sind die Forderungen des DGB an eine zukunftsgewandte Industriepolitik?

Karger: Hamburg muss eine Stadt der guten Arbeit sein, dazu kann die Industrie viel beitragen. Seit 2014 begleitet der DGB die Fortschreibung des Masterplans Industrie in Hamburg. Hier leistet Jan Koltze gute Arbeit, von unserer Seite auch Heiko Gröpler. Größte Herausforderungen zurzeit sind die digitalisierte Automatisierung und
Rationalisierung auf der einen Seite und eine nachhaltige Transformation auf der anderen
Seite. Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte müssen zusammen gedacht werden, nur so gelingt ein gerechter Strukturwandel. Dafür brauchen wir Beratungs-strukturen für einen Innovations- und Transferprozess, der die Beschäftigten unterstützt. Wir brauchen gute Bildung, organisierte Weiterbildung und gesicherte Qualifizierung für alle, die von Veränderungen betroffen sind. Eine funktionierende und verbesserte Infrastruktur – von Straße bis zu 5G – ist ebenso notwendig wie eine intelligente
Mobilitätsplanung.

Michael Westhagemann: „Von der Industrie profitieren alle“

Als „Schlüsselkomponente“ der Wirtschaftspolitik bezeichnet Hamburgs
Wirtschaftssenator Michael Westhagemann den „Masterplan Industrie Hamburg“. Im Interview mit dem „Report“ skizziert er auch dessen Weiterentwicklung. Der Hamburger Senat hat der Hamburger Industrie ein „Bündnis für die Industrie der Zukunft“ angeboten. Was ist eine „Industrie der Zukunft“ und was heißt das konkret?

Westhagemann: Bürgermeister Dr. Tschentscher hat im Rahmen seiner Rede im Übersee-Club Hamburg sehr klar gemacht, dass er die Anstrengungen der Industrie am Standort für mehr Energieeffizienz, für mehr Umweltschutz, für mehr Nachhaltigkeit, für gute Arbeit und gute Löhne und im Ergebnis für die stetig steigende Produktivität sehr schätzt und einzuordnen weiß. Mit dem Bündnis für die Industrie der Zukunft werden diese Anstrengungen unterstrichen und eine gemeinsame Haltung für den Industrie-standort Hamburg weiterentwickelt.

Welche wichtigen Fragen stehen an?

Westhagemann: Dazu gehören unter anderem: Wie sieht Industrieproduktion am Standort Hamburg morgen aus? Welche Rahmenbedingungen finden Firmen für ihre Geschäftstätigkeit vor? Stehen genügend Fachkräfte für die anspruchsvollen Arbeitsfelder zur Verfügung? Mit Blick auf das Bündnis teile ich die Einschätzung des Bürgermeisters voll und ganz und werde meine Erfahrungen aus meiner langjährigen Tätigkeit in der Industrie gerne in diesen wichtigen Prozess einbringen. Das Bündnis knüpft insofern eins zu eins an den Zielsetzungen des Masterplans an und wird die Aktivitäten hervorragend ergänzen.

Welchen Stellenwert hat der Masterplan Industrie (MPI) für Sie?

Westhagemann: Der Masterplan Industrie ist eine Schlüsselkomponente für die gemeinsame Verständigung der Industrie und des Hamburger Senats. Seit 2007 unterstreichen Hamburger Senat, Handelskammer Hamburg, die Gewerkschaften und der Industrieverband Hamburg e. V. (IVH) mit dem Masterplan Industrie bereits die Bedeutung der Industrie für den Standort. Mit dem Masterplan wurden strategische
Rahmenbedingungen für die Sicherung und den Ausbau der Industrie in Hamburg geschaffen.

Sie kommen aus der Industrie – welche Bedeutung hat sie für Hamburg?

Westhagemann: Die Industrie ist Ausgangspunkt der Wertschöpfungskette und damit wichtiger Partner für Unternehmen nachfolgender Stufen wie Handel, Logistik und Dienstleistungen. Auch der Hafenstandort Hamburg profitiert in starkem Maße von der leistungsfähigen Industrie. Sie ist ein bedeutender Arbeitgeber und zuverlässiger Ausbilder über eine breite Qualifikationspalette hinweg. Sie investiert in Forschung und Entwicklung und stärkt durch die Zusammenarbeit mit den Hochschulen die Innovationskraft unseres Standortes. Das ist ein wichtiger Baustein auch vor dem Hintergrund der Fachkräftesicherung. Die Hamburger Industrie entwickelt Technologien auch für Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz und setzt diese in den Betrieben ein. Gerade in konjunkturell schwierigen Zeiten hat die Industrie immer als stabilisierender Faktor gewirkt.

Muss der Masterplan weiterentwickelt werden – und wenn ja: Auf welchem Gebiet?

Westhagemann: Der Masterplan wurde Ende 2017 auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen mit folgenden Schwerpunkten fortgeschrieben: Flächen für die Industrie, Verkehr als Bedingung für Industrie, Innovationsmetropole Hamburg (inkl. Clusterpolitik), Industrie und Umwelt, Energie für die Industrie, Fachkräfte für die Industrie (inkl. Integration, Inklusion und Gleichstellung) sowie Akzeptanz der Voraussetzungen für Industrie.

Welche neuen Handlungsfelder gibt es?

Westhagemann: Mit den Handlungsfeldern Industrie 4.0 und 3-D-Druck haben wir zwei weitere wichtige Bereiche in den MPI aufgenommen. Der Masterplan steckt somit schon einen sehr breiten Korridor ab. Inwieweit weitere Handlungsfelder hinzugefügt werden sollen, muss mit den Partnern aus der Industrie abgesteckt werden. Es gilt nun die Rahmenbedingungen anhand der letzten geschlossenen Vereinbarung zu prüfen. Eine Weiterentwicklung bedarf der gemeinsamen Anstrengung aller Akteure am Standort.
Derzeit prüfen wir dafür die Indikatoren und die Voraussetzungen.