„Es wird Zeit, die Menschen mitzunehmen!“ Industrie 4.0 ist auch für Renate Hold-Yilmaz, Betriebsratsvorsitzende beim Hamburger Kupfererzeuger Aurubis, ein wichtiges Thema.

IG BCE

Renate Hold-Yilmaz
19.01.2017
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Am Beispiel Aurubis: Wie geht das Unternehmen aus Deiner Sicht mit dem Thema Industrie 4.0 um?
Renate: Rollen und Verantwortlichkeiten im Unternehmen werden geklärt, Verantwortung wird eingefordert. Stellenprofile und Stellenpläne werden überarbeitet oder überhaupt erst erstellt. Mitarbeiter werden aufgefordert, in Prozessen zu denken. Jeder Vorgang benötigt eine genaue Prozessbeschreibung. Läuft etwas nicht, liegt es daran, dass der Prozess nicht beschrieben ist. Ich frage mich manchmal schon, wie wir all die Jahre so erfolgreich waren, obwohl wir keine Prozessbeschreibungen hatten ...

Kannst Du eine konkrete Auswirkung schildern?
Ja: Das Betriebliche Verbesserungsvorschlagswesen war bis vor ein, zwei Jahren ein ungeliebtes Kind. Die Durchlaufzeit lag bei über einem Jahr, nun wird es als Ideenbringer plötzlich neu entdeckt. Die Durchlaufzeiten verringern sich auf ein bis zwei Monate, es wird Teil eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Dafür werden nun auch Freiräume geschaffen, in denen, über alle Hierarchie-Ebenen hinweg, Problemlösungen und neue Ideen erarbeitet werden.

Und wie gehen die Kolleginnen und Kollegen mit der den Auswirkungen um?
Spreche ich mit jungen Menschen, sagen sie, dass sie keine Angst haben: „Wenn mehr Abläufe digitalisiert werden, habe ich Zeit etwas anderes zu tun.“ Wenn ich dann aber frage, was dieses „Andere“ ist, bekomme ich keine Antwort. Spreche ich mit älteren Kollegen, spüre ich schon Verunsicherungen. Viele haben trotz eigenem iPhone und Computer wenig Zuneigung zur Digitalisierung.

Was ist Deine Schlussfolgerung?
Bislang ist es so: Alle stürzen sich erst einmal auf die Technik. Keiner fragt: Was ist mit uns Menschen? Jeder spricht von Anforderungen, aber keiner benennt sie. Meiner Meinung nach würden „Innovation Days“ zum Thema „Arbeiten in der Zukunft“ Sinn machen, um die Anforderungen an den Wandel zu thematisieren, denn es wird Zeit, die Menschen mitzunehmen.

Was könnten künftig Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein?
Sie benötigen ein ganzheitliches Wissen über die Geschäftsprozesse. Der Umgang mit mobilen Geräten und Technologien wird für sie selbstverständlich sein. IT-Grundlagenwissen und Wissen zu Steuerungsprozessen sind notwendig. Körperlich schwere Arbeiten sollen in der Zukunft nicht mehr verrichtet werden, sie werden nicht nur flexibel im Rahmen der Arbeitszeit, sondern möglichst auch in Bezug auf den Arbeitsort sein. Gleiches gilt für den Umgang mit unterschiedlichsten Problem- und Aufgabenstellungen. Da ihr Handeln – oder vielleicht auch sie selber – Teil der Produktion sind und Produktionsprozesse digitalisiert werden, wird auch ihr Tun und Handeln transparenter – Datenschutz wird immer wichtiger.

Was sind die Anforderungen ans Management?
Die Verantwortlichen sind aufgerufen sich Gedanken zu machen, wie sich die Berufsbilder der Zukunft verändern, ja verändern müssen. Sie haben sie aufzuschreiben und zu erneuern, genau so. Nur so wird es uns gelingen, auch in Zukunft das höchste Gut eines Unternehmens – engagierte und motivierte Mitarbeiter – im Unternehmen zu entwickeln. Denn die Technik soll Werkzeug des Menschen bleiben und nicht umgekehrt.

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