9. Betriebsräte-Jahrestagung

Arbeit 4.0 und die Mitbestimmung

Nachwuchsförderung und Qualifizierung, Ideenmanagement, Chancengleichheit und Personalplanung: Diese Themen diskutierten die Teilnehmenden der Jahrestagung in Hannover in fünf Workshops. Mit Praxisbeispielen, die unter anderem zeigen, dass ein Betriebsrat durchaus seine Möglichkeiten hat, um im eigenen Unternehmen mehr Mitbestimmung durchzusetzen.

Nick Neufeld

14.10.2016
  • Von: Marcel Schwarzenberger

Geschäftsführungen lassen sich eher selten gern von Betriebsräten in Sachen Personalplanung etwas sagen. Auch nicht bei der Huntsman-Niederlassung in Krefeld. Das Pigmentwerk hat etliche Umstrukturierungen hinter sich, gehörte einst zu Bayer und wechselte in verschiedene Hände bis zum US-Konzern Huntsman. Der plante zweierlei: Einerseits den Abbau von rund einem Drittel der Krefelder Belegschaft und andererseits die Einführung einer neuen IT-Plattform für Personalplanung, Recruiting und Talentmanagement. Der weltweit agierende Konzern will diese Plattform auch international einsetzen. Nach etlichen Umfirmierungen sollte erneut etwas Neues übergestülpt werden, sagte Betriebsratsvorsitzender Hans Hirche. Sein Gremium nutzte dieses Betriebsprojekt als Hebel, um Verhandlungen für mehr Einfluss bei der Personalplanung zu starten. Es gab monatelange Gespräche, bis schließlich eine Regelung getroffen wurde, die unter anderem ein Vetorecht des Betriebsrats bei Personalentscheidungen vorsieht. Schritt für Schritt wurde die Software im Tausch für mehr Mitbestimmung eingeführt. „Ich empfehle, bei solchen Verhandlungen auch immer Arbeitsrechtsanwälte einzubeziehen“, sagte Hirche. Isabel Eder von der IG-BCE-Abteilung Mitbestimmung betonte, dass die Betriebe in der Arbeitswelt 4.0 auch zukunftsfähige Belegschaften brauchten. „Jetzt ist für Betriebsräte ein guter Zeitpunkt, sich auch mit Personalplanung zu befassen.“

Was passiert, wenn die Betriebsführung von Beginn an den Betriebsrat in wichtige Entwicklungen einbezieht, zeigt das Ideenmanagement bei Kali + Salz. Das Kaliwerk Sigmundshall startete 2011 mit einem Pilotprojekt, um Abläufe, Energiebilanz und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Ideen holt man sich von den eigenen Mitarbeitern – und der Betriebsrat trägt das Projekt mit; auch in den anderen Unternehmensbereichen. Das stärkt den Zusammenhalt der Belegschaft, Ideengeber profitieren auch von einem Bonussystem. K+S hat ein Bewertungssystem eingerichtet, dass die Ideen in eine messbare Größe umrechnet. Als eigenes Profitcenter hat das Ideenmanagement allein 2015 rund 3,3 Millionen Euro erwirtschaftet. „Das alles ist auch gelebte Mitbestimmung“, sagte Markus Bock, Leiter Wissens- und Ideenmanagement bei K+S. Ohne einen Betriebsrat, der solche Projekte der Belegschaft vermittelt, wären diese kaum umsetzbar. K+S-Betriebsrat Michael Diegmüller weiß, dass es Unternehmen auch nützt, wenn sie das innovative Potenzial ihrer Belegschaft entfalten. Und der Wissenstransfer im Betrieb „lebt von den Menschen“, betonte er.

Gelebte Vielfalt

Wenig neu ist die Tatsache, dass es in den Betrieben Menschen verschiedener Kulturen gibt. Gelebte Diversity bedeutet für Betriebsräte, sich auch auf unterschiedliche Zielgruppen einzustellen. Gerade jetzt, wo auch Auszubildende und Beschäftigte aus Ländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan in den Betrieben ankommen werden. Zu den Softskills mit Zukunft für Betriebsräte gehöre dabei auch die Fähigkeit, zwischen Kulturen zu vermitteln, sagte Regina Karsch von der IG-BCE-Abteilung Politische Schwerpunktgruppen. Auch Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit sollten die Kolleginnen und Kollegen im Blick haben. „Betriebe sind auch Orte der Integration“, sagte sie. Und manchmal gehe es auch um ganz alltägliche Dinge. „Wird gerecht bezahlt? Darauf zu achten, ist auch eine Aufgabe des Betriebsrats.“ Etwa dann, wenn Beschäftigte mit ausländischen Berufsabschlüssen im deutschen Betrieb anfangen – und ihre Gehaltsgruppe nicht fair die tatsächliche Qualifikation widerspiegelt. Chancengleichheit im Betrieb hat auch viel mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einem Rückkehrrecht von Teil- in die Vollzeit zu tun. Auch darüber wurde diskutiert.

Industrie 4.0 birgt Risiken für Beschäftigte, aber auch Chancen. Wenn es um Qualifizierung geht, zum Beispiel. Ein Workshop befasste sich mit dem lebenslanges Lernen, dem Ausbau von Kompetenzen für Beschäftigte und die mit 4.0 zusammenhängenden häufigen Veränderungen von Tätigkeiten. All das sind Dinge, die zunehmend wichtiger werden. Genau wie die Nachwuchsarbeit für gewerkschaftliches Engagement und Betriebsräte. Bis zur Wahl 2018 ist noch etwas Zeit. Die sollten die amtierenden Gremien nutzen, um geeignete Kandidaten und Kandidatinnen zu finden.

IG-BCE-Sprechzeit

„Ich habe da mal ne Frage…“ – in diesem Jahr gab es für die teilnehmenden Betriebsräte die Möglichkeit für spontane Kurzberatungen. Die gesamte Tagung über waren Experten aus verschiedenen Bereichen, darunter Tarifrecht sowie Arbeits- und Sozialrecht, als Ansprechpartner vor Ort. Das Programm der Tagung schuf eigens Freiräume dafür; und die wurden gut genutzt. Tiefgründiges, wie arbeitsrechtliche Probleme oder die Frage, welcher Betriebsrat eigentlich zuständig ist, wenn ein Betrieb von einem anderen Unternehmen übernommen wird, wurden besprochen. Aber es gab auch rasche Tipps, wie man mit Alltagsproblemen umgehen kann. Zum Beispiel mit der ständigen Rufbereitschaft in Betrieben. Über Handy und Smartphone ist das für Führungskräfte kein Problem. Für Beschäftigte, die erreichbar bleiben sollen, dagegen schon.

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