Vertrauensleute und Ortsgruppen

Zur Wahl stehen: Bewegerin und Einmischer

Jessica Tölle, 34, ist Industriekauffrau und seit 16 Jahren bei ContiTech MGW GmbH Hann. Münden. Die Vertrauensfrau hat das Ohr an der Belegschaft und ist stolz, im Betrieb etwas zu bewegen.

Stefan Koch

"Ich finde es toll, wenn ich zwei Kollegen im Aufenthaltsraum miteinander Kaffee trinken sehe, die vorher Streit hatten." "Ich finde es toll, wenn ich zwei Kollegen im Aufenthaltsraum miteinander Kaffee trinken sehe, die vorher Streit hatten", sagt Jessica Tölle.
02.05.2016
  • Von: Sigrid Thomsen/ Nadine Gewehr

Ich liebe die Abwechslung der Aufgaben als Vertrauensfrau. Sie bringen mich in Kontakt mit anderen Kollegen, auch aus der Produktion oder dem Handwerksbereich, die ich als Industriekauffrau für die "Sales"-Abteilung sonst nicht kennenlernen würde. Meinen Beruf habe ich bei ContiTech gelernt und war auch schon in der Jugend- und Auszubildendenvertretung aktiv.

Es macht mir Spaß, Kollegen über ihre Rechte zu informieren, zum Beispiel über Bildungsurlaub. Viele wissen gar nichts davon oder trauen sich nicht, den in Anspruch zu nehmen. Und natürlich über das Bildungsangebot der IG BCE. Oder über die Möglichkeiten auf früheres Aussteigen aus dem Beruf, die sich aus dem von der Gewerkschaft ausgehandelten Demografiefonds ergeben. Das empfinden manche wie ein Geschenk!

Wir sind insgesamt 21 Vertrauensleute für etwa 1000 Beschäftigte. Da können wir das Ohr an der Belegschaft haben und oft bei kleineren Problemen helfen, zum Beispiel bei Ärger unter Kollegen. Bei größeren Konflikten mit Vorgesetzten verweise ich die Kollegen an den Betriebsrat. Vier seiner 13 Mitglieder sind auch Vertrauensleute, so wie ich. Ich sehe uns als Bindeglied zwischen der Belegschaft und dem Betriebsrat. Wir kriegen viel von den Anliegen der Kollegen mit. Wir stellen dann ja auch Kandidaten für die Betriebsratswahlen auf.

Zurzeit erheben wir Vertrauensleute die Forderungen für die Tarifverhandlungen in der Kautschukindustrie. Da ist es praktisch, dass ich als Betriebsrätin auch Mitglied im Wirtschaftsausschuss bin, dadurch kann ich die ökonomische Lage des Unternehmens besser beurteilen. Nach Aufstellen der tariflichen Forderung in einer Vertrauensleutesitzung melden wir sie an die Tarifkommission. Ich bin sowohl in der Tarifkommission für Niedersachsen als auch in der bundesweiten, kann also den ganzen Weg mitgehen. Wenn wir unseren Kollegen am Ende ein gutes Ergebnis mitteilen können, so wie in den letzten Jahren, freut mich das besonders.

Am Ende des Jahres werden wir neue Vertrauensleute wählen. Kandidaten zu finden, ist kein Problem, es gibt viele Engagierte. Wir achten nur darauf, dass alle Abteilungen vertreten sind. Natürlich geht einiges an Freizeit in die Vertrauensleutearbeit. Dafür wird man ja nicht freigestellt. Aber es ist auch toll, bei Wochenendseminaren bekannte oder neue Kollegen aus anderen Betrieben zu treffen und mit ihnen zum Beispiel einen "Tarifführerschein" zu machen. Und dann bei Tarifverhandlungen etwas zu erreichen oder im Betrieb etwas zu bewegen. Ich finde es toll, wenn ich zwei Kollegen im Aufenthaltsraum miteinander Kaffee trinken sehe, die vorher Streit hatten.

Ingo Wesselborg, 57, ist Vorsitzender der Ortsgruppe Gladbeck-Mitte im Ruhrgebiet. Das gewerkschaftliche "Gemeinsam sind wir stark"-Gefühl haben ihm seine beiden Großväter vermittelt, als er noch ein kleiner Junge war.

Frank Rogner

"Was mich dabei besonders stolz macht: Vor mehr als 50 Jahren haben mich meine Opas mit dem Gewerkschaftsvirus infiziert." "Was mich dabei besonders stolz macht: Vor mehr als 50 Jahren haben mich meine Opas mit dem Gewerkschaftsvirus infiziert", sagt Ingo Wesselborg.

Ich war ein Steppke von vielleicht vier oder fünf Jahren, als mich meine Großväter zum ersten Mal zur Maikundgebung mitnahmen. Beide Opas haben bei uns im Ruhrgebiet als Bergleute unter Tage gearbeitet. Ich war damals sehr beeindruckt von den vielen Leuten, vom Zusammenhalt, von diesem "Gemeinsam sind wir stark"-Gefühl. Diese Eindrücke haben mich geprägt – und sie begleiten mich bis heute.

Ich bin Vorsitzender der Ortsgruppe Gladbeck-Mitte und somit Ansprechpartner für unsere rund 1000 Ortsgruppenmitglieder. Und als solcher stelle ich mich in diesem Jahr zur Wiederwahl.

Wie viele andere Ortsgruppen kennen auch wir das Problem schwindender Mitgliederzahlen. Dem wollen wir entgegentreten, indem wir auch neue Wege gehen. Wir haben ein offenes Ohr für unsere Mitglieder, stellen bei Sorgen und Nöten Kontakte her, organisieren Ausflüge und stellen Bildungsangebote auf die Beine. Wir machen aber nicht nur klassische Gewerkschaftsarbeit, sondern öffnen uns auch modernen Dingen. Besonders wichtig ist dabei, Jung und Alt miteinander zu verbinden.

Wir widmen uns in unserem Bildungsprogramm klassischen Themen wie "Erben und Vererben", beschreiten aber auch neue Wege, etwa durch Angebote wie Paintball und Geocaching. Im Team sind wir stark, verfolgen ein gemeinsames Ziel. Denn darauf kommt es schließlich an. Wir in der IG BCE achten aufeinander, sind füreinander da. Wir mischen uns aber auch in gesellschafts- und kommunalpolitische Diskussionen ein. Wir sind Kümmerer und Einmischer.

Das gilt auch für mich ganz persönlich. Womöglich bin ich deshalb nicht nur Vorsitzender unserer Ortsgruppe, sondern auch der Vertrauensleute bei meinem Arbeitgeber, der Pilkington Gladbeck, und dem hiesigen DGB-Ortsverband.

Ich engagiere mich im Betriebsrat, bin ehrenamtlicher Referent in zwei Landesbezirken der IG BCE und ehrenamtlicher Richter am Arbeits- und Sozialgericht. Natürlich muss man da schon ein bisschen mit erhöhter Drehzahl agieren, sonst könnte man die vielen Aufgaben nicht bewältigen. Aber die Arbeit macht großen Spaß, sonst würde ich sie nicht machen.

Was mich dabei besonders stolz macht: Vor mehr als 50 Jahren haben mich meine Opas mit dem Gewerkschaftsvirus infiziert. Und das, was sie mir vermittelt haben, gebe ich heute weiter. Auch meine Tochter engagiert sich in der Gewerkschaft, sie war bis vor Kurzem Vorsitzende der ver.di-Jugendvertretung. Das Kümmerersyndrom liegt offenbar in der Familie.

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