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08.12.2015

Von: Marco Jelic

Integration in den Arbeitsmarkt

Den Menschen eine Chance geben

Maziad Aloush und sein Bruder Mohamed flohen vor dem Krieg in Syrien. Jetzt wollen sie vor allem eines: arbeiten. Um so ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Doch wie kann die Integration der Flüchtlinge in der Arbeitsmarkt gelingen? Auf der Recklinghäuser Tagung haben wir darüber mit einem einstigen Gastarbeiter aus Griechenland und einem Deutsch-Iraner gesprochen.

Frank Rogner

Mohamed Aloush Mohamed Aloush möchte studieren und Elektroingenieur werden. Die ersten Kontakte dafür hat er schon geknüpft – mit der Technischen Fachhochschule Georg Agricola in Bochum.

„Ich will einfach ein normaler Arbeiter sein, ich will kein Geld vom Staat“, erklärt Maziad Aloush fast schon verzweifelt. Seit Juli 2015 ist der syrische Flüchtling in Deutschland. Offiziell registriert wurde er bisher noch nicht. „Warten“ ist das Wort, das er in diesen Tagen am häufigsten von überlasteten Behördenmitarbeitern zu hören bekommt. Ohne Registrierung, kein Asylantrag – und keine Arbeitserlaubnis. Und auch dann dürfte er als Asylbewerber die ersten drei Monate nicht arbeiten.

Frank Rogner

Maziad Aloush Syrer Maziad Aloush möchte so schnell wie möglich arbeiten und ein selbstbestimmtes Leben führen.

„Ich warte hier im Frieden, aber der Rest meiner Familie wartet in Syrien im Krieg“, erwidert der 31-Jährige verbittert und schüttelt nur mit dem Kopf. Seinen Angehörigen will er so schnell wie möglich helfen, arbeiten und ihnen Geld schicken – doch zum einen mahlen die Mühlen der Bürokratie derzeit langsam, zum anderen gibt es für Flüchtlinge auch rechtliche Einschränkungen, was den Zugang zum Arbeitsmarkt anbelangt.

Die Vorrangprüfung beispielsweise. Bevor ein Asylbewerber eine Stelle annehmen kann, muss von der Bundesagentur für Arbeit geprüft werden , ob nicht ein Deutscher, EU-Bürger oder ein Drittstaatsangehöriger für den Job zur Verfügung steht. „Zu viel Bürokratie“, klagt Maziad Aloush. Immerhin ist er nicht ganz alleine hier: Sein jüngerer Bruder Mohamed kam mit ihm über die „Balkan-Route“ nach Deutschland.

Gemeinsam flohen sie vor der Zwangsrekrutierung durch das Militär des syrischen Machthabers Assad. Es folgte die beschwerliche und gefährliche Reise über die Türkei nach Europa, die so viele ihrer Landsleute in diesem Jahr auf sich nahmen. Doch das sei jetzt vorbei, sagt Maziad energisch. Die Brüder wirken motiviert, wollen ihre Zukunft in die Hand nehmen und ein selbstbestimmtes Leben führen.

Mohamed möchte studieren und Elektroingenieur werden. Die ersten Kontakte dafür hat er schon geknüpft – mit der Technischen Fachhochschule Georg Agricola in Bochum. Die Hochschule hat gemeinsam mit der IG BCE eine Förderinitiative gestartet, um jungen Flüchtlingen ein Studium zu ermöglichen.

Begleitet von Mitarbeitern der Hochschule waren die zwei jungen Syrer am 5. Dezember Gäste auf der Recklinghäuser Tagung der IG BCE. Rund 400 Mitglieder nahmen an der migrationspolitischen Veranstaltung teil. Zentrales Thema war die Integration der Flüchtlinge – insbesondere in den Arbeitsmarkt.

Frank Rogner

Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE „Wir brauchen Bildung und Sprachkurse für die Flüchtlinge – dafür setzen wir uns ein“, sagt Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE.

Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG BCE, betonte dabei die Kompetenzen, die Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich der Arbeitswelt, die die Gewerkschaften mitbringen. Neben Spendenaktionen und dem ehrenamtlichen Engagement der Mitglieder sei ein erster Schritt gewesen, mit den Sozialpartnern der chemischen Industrie das Programm "Start in den Beruf", in dem Jugendliche gefördert und in eine Ausbildung gebracht werden sollen, auf junge Flüchtlinge auszuweiten. 125 zusätzliche Ausbildungsplätze wurden bereitgestellt. Denn die zügige Qualifizierung der Flüchtlinge stelle eine der wichtigen integrationspolitischen Herausforderungen dar. „Wir brauchen Bildung und Sprachkurse für die Flüchtlinge – dafür setzen wir uns als IG BCE ein“, unterstrich Reinbold-Knape.

Die Sprache, das sieht auch Maziad Aloush so, ist der wesentliche Faktor der Integration: „Sprache ist immer der erste Schritt – ohne Sprache gibt es keine Integration.“ Der Tatsache, dass die Politik jetzt einhellig schnelle Sprach- und Integrationskurse fordert, ging ein langwieriger politischer Lernprozess voraus.

Als vor 60 Jahren die Arbeitsmigration der sogenannten „Gastarbeiter“ mit dem deutsch-italienischen Anwerbeabkommen ihren Anfang nahm, waren derlei staatliche Fördermaßnahmen nicht vorgesehen. Denn die Politik ging jahrzehntelang von der irrigen Annahme aus, die „Gäste“ würden alsbald in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Dem war nicht so.

IG-BCE-Mitglied Michael Giftakis ist ein griechischer „Gastarbeiter der ersten Stunde“. Schon 1965 kam er ins bayrische Lindau. „Für uns gab es keine Integrationsangebote. Die Sprache habe ich mir selbst beigebracht: Tagsüber Volkshochschule – abends ging es in die Nachtschicht“, erinnert sich der Gewerkschafter an die harten Anfangsjahre.

Frank Rogner

Michael Giftakis Michael Giftakis ist ein griechischer „Gastarbeiter der ersten Stunde“: „Für uns gab es keine Integrationsangebote."
Die Situation der Flüchtlinge heute sei aber dennoch nicht mit der damaligen vergleichbar: „Wir hatten schon einen Arbeitsvertrag im Gepäck – wir hatten Arbeit.“ Deshalb sei es wichtig, jetzt auch für die Flüchtlinge Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, fordert Giftakis.  

Die Politik scheint diese Notwendigkeit erkannt zu haben. Mit der zu Beginn des Jahres in Kraft getretenen Asylrechtsreform hat die Bundesregierung den rechtlichen Zugang zu Arbeit in Teilen schon erleichtert. So wurde die Frist für die Arbeitserlaubnis von neun auf drei Monate reduziert. Eine Baustelle bleibt jedoch weiterhin die Anerkennung der ausländischen Abschlüsse.

Das Problem ist nicht neu. Mahmoud Taghavi-Ahromi floh 1987 mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland und beantragte Asyl in Deutschland. Das Land kannte er, denn zwischen 1976 und 1979 hatte er hier studiert. Als er 1987 wieder nach Deutschland kam, war er ein studierter Kernphysiker. „Ich dachte ich könnte mit meiner Qualifikation eine adäquate Anstellung finden – aber Pustekuchen! Zunächst hatte ich überhaupt keine Arbeitserlaubnis und in einem Kernkraftwerk durfte ich als Iraner nicht arbeiten – also habe ich wieder von null angefangen“, erklärt er seine beruflichen Schwierigkeiten in der Anfangszeit.

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Mahmoud Taghavi-Ahromi Mahmoud Taghavi-Ahromi floh 1987 mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland und beantragte Asyl in Deutschland. Mittlerweile ist er seit viele Jahren IG-BCE-Vertrauensmann bei der Bayer AG in Leverkusen, seine beiden Kinder sind Ärzte geworden.

Der Deutsch-Iraner ist mittlerweile seit viele Jahren IG-BCE-Vertrauensmann bei der Bayer AG in Leverkusen, seine beiden Kinder sind Ärzte geworden und haben selbst in ihren Arztpraxen wieder Arbeitsplätze geschaffen. Eine Erfolgsgeschichte. Bezogen auf die jetzige Flüchtlingssituation hat er aufgrund seiner eigenen familiären Erfahrung eine klare Haltung: „Wenn man den Menschen hilft und ihnen eine Chance gibt, dann werden sie diesem Land sehr viel zurückgeben, sie werden das Land bereichern.“ Genau auf diese Chance warten Maziad und Mohamed Aloush. Deutschland sollte sie ihnen geben.