Jugendforum 2015

Gegen das Vergessen

Es ist lange her und doch ganz nah: Auf dem Jugendforum 2015 haben sich rund 80 junge IG BCE-Funktionäre zwei Tage lang mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Was genau ist damals passiert? Wie konnte es dazu kommen? Und was können wir tun, damit sich so etwas niemals wiederholt? Das Thema der Veranstaltung stand bereits seit längerer Zeit fest und war durch die Flüchtlingsproblematik hochaktuell.

Jesco Denzel

Jugendforum 2015
01.09.2015

Die Jugendbildungsstätte Kagel-Möllenhorst am letzten Wochenende im August. Drumherum Wald, ein See, die Sonne scheint, es ist ruhig und friedlich. Krieg, Gewalt und Tod scheinen ganz weit weg. Doch im Haus, in den Seminarräumen, ist das alles plötzlich ganz nah. Da geht es um Nazis und Konzentrationslager, um Millionen Tote, um Gewerkschafter, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. Ein schwieriges, hartes und auch emotionales Thema, dem sich die Teilnehmenden mit großer Ernsthaftigkeit und Offenheit stellen. „Ich bin gekommen, weil ich mehr über dieses Stück Geschichte wissen und mich tiefer informieren möchte“, sagt Jacqueline Henn. Die 19-Jährige ist aus dem Dreiländereck angereist; lange dachte sie, dass es „bei uns keine Nazis mehr gibt“. Dann kamen die Flüchtlinge, die Hetze im Internet, die Ausschreitungen. Und der Wunsch, fundierte Argumente für Gespräche zu haben, fremdenfeindlichen Parolen ein klares Statement entgegensetzen zu können.

„Wir wären auch weg gewesen“

Das Motto des Jugendforums 2015: Gegen das Vergessen. Dazu gibt es Workshops, Vorträge, Diskussionen. Der Historiker Professor Dr. Rudolf Tschirbs spricht über den Zusammenhang zwischen der Machtergreifung durch die Nazis und der Zerschlagung der Arbeiterbewegung, Reni Richter, die Leiterin der Jugendbildungsstätte, zeichnet die Entwicklung der Konzentrationslager nach, von den Anfängen bis zu den planmäßigen Massentötungen in den Vernichtungslagern. Anschließend beschäftigen sich die Teilnehmenden in verschiedenen Arbeitsgruppen mit dem Schicksal von Gewerkschaftern, die Opfer des NS-Regimes wurden. Wilhelm Leuschner zum Beispiel, von den Nationalsozialisten verfolgt, verhaftet und misshandelt, hingerichtet 1944 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee. Oder Fritz Husemann, ehemaliger Vorsitzender des Verbands der Bergbauindustriearbeiter Deutschlands, ermordet 1935 im KZ Esterwegen.

  • Jequeline Henn
    Foto: 

    Jesco Denzel

    Jaqueline Henn (19) nahm am Forum teil, um mehr über "dieses Stück Geschichte" zu erfahren.

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Die Auseinandersetzung mit den Biographien der Gewerkschafter macht viele der Teilnehmenden nachdenklich, betroffen. Spätestens jetzt sind die Schrecken der Vergangenheit ganz nah. Und das soll auch so sein: „Wir wollen sensibilisieren und einen emotionalen Bezug zu dem Thema schaffen“, sagt Michael Porschen, Leiter der Abteilung Junge Generation / Ausbildung. „Wenn du merkst: Wir wären auch weg gewesen, wenn wir zu der Zeit gelebt hätten, dann löst das eine ganz andere persönliche Betroffenheit aus. Und die ist wichtig, wenn wir aktiv gegen das Vergessen und einen neuen braunen Mob kämpfen wollen.“ Er selbst, sagt Michael Porschen, hatte einen der emotionalsten Momente seines Lebens in Sachsenhausen, an einem Gedenkstein für die gefallenen Bergarbeiter im Widerstand.

„Auschwitz darf nie wieder sein“

Das Jugendforum ist Teil einer Reihe von Veranstaltungen, die sich in diesem Jahr einer aktiven Gedenkkultur widmen. Ein Anlass dafür ist die Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz vor 70 Jahren. Im Januar fand eine große Bündnisfahrt in die Gedenkstätte statt, organisiert vom DGB, mit insgesamt 800 jungen Menschen aus verschiedenen Organisationen. Auch Mitglieder der IG BCE Jugend waren dabei. Beim Jugendforum berichten sie von ihren Erfahrungen, in kleinen Gruppen, ganz persönlich – auch wenn ihnen das nicht leicht fällt.

Einer, der in Auschwitz war, ist Nico Becks, 28 Jahre alt, Chemikant aus Mühlheim an der Ruhr und ehrenamtlicher Vorsitzender der IG BCE Jugend. Er ist gerade in Elternzeit, nimmt eigentlich keine Termine wahr. Für das Jugendforum hat er sogar seine Flitterwochen unterbrochen: „Weil es wichtig ist, dass wir in Deutschland diese Zeit nicht vergessen, weil wir alles tun und versuchen müssen, damit sowas nicht nochmal passiert.“ Die Fahrt nach Ausschwitz, sagt Nico, hat ihn für den Rest seines Lebens geprägt. Noch heute fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen, was er dort erlebt, gesehen, gefühlt hat, manchmal kommen ihm beim Erzählen die Tränen. Auch einige seiner Zuhörer müssen weinen – und sind beeindruckt von dem Mut, der Ehrlichkeit und Offenheit, mit der Nico sie an seinen Erfahrungen und Emotionen teilhaben lässt. „Das ging direkt ins Herz, davon werde ich ganz viel mitnehmen“, sagt Lisa Seibert, 20 Jahre alt und Mitglied im BJA Darmstadt.

Aus der Vergangenheit lernen: Denkmal der Zukunft

Auch Edeltraud Glänzer, die stellvertretende Vorsitzende der IG BCE, ist zum Jugendforum gekommen. Sie weiht auf dem Gelände der Bildungsstätte das „Denkmal der Zukunft“ ein, das im Alltag an die Vergangenheit erinnern soll. Im Mittelpunkt des Denkmals: Ein Steinmännchen mit Steinen aus dem Stammlager in Auschwitz. „Es soll allen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern den richtigen Weg weisen, soll Orientierung bieten und deutlich machen, dass wir genau hinschauen und hinhören müssen, um Rechtsextremismus zu erkennen. Wir dürfen nicht zulassen, dass so ein menschenverachtendes System erneut Raum greift, dass Menschen, die zu uns kommen und Schutz suchen, hier erneut um ihr Leben fürchten müssen. Wir alle sind gefordert, unsere Stimme zu erheben, für Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit.“

Wer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert ist verdammt, sie zu wiederholen: Dieser Satz von George Santayana ist an diesem Wochenende immer wieder zu hören. „Wenn man Zukunft gestalten will ist es wichtig, den Blick zurückzuwerfen“, sagt Jacqueline Kluge, Mitglied im Bundesjugendausschuss und eine der Organisatorinnen des Jugendforums. „Wir wünschen uns, dass die jungen Leute, die hier sind, diese Botschaft weitertragen in ihre Gremien, dass wir alle gemeinsam dazu beitragen können, dass falsche Bilder und Vorurteile aus den Köpfen verschwinden.“ Rechtes Gedankengut, da sind sich in Kagel alle einig, darf in unserer Gesellschaft nie wieder einen Platz haben.

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