IG BCE aktuell 12-15

Kind und Karriere in Deutschland schwer vereinbar

Eine aktuelle Umfrage in den 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern zeigt: In Deutschland ist es für Frauen schwierig, Kind und Job unter einen Hut zu bekommen. Dass neue Lösungswege gefragt sind, zeigt ein erfolgreiches Job-Sharing Modell in Deutschland.

nullplus/istockphoto

Kind und Arbeit vereinen? Das ist für Frauen in Deutschland nach wie vor schwierig. Kind und Arbeit vereinen? Das ist für Frauen in Deutschland nach wie vor schwierig.
03.11.2015

9.500 Frauen haben die Thomson-Reuters-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung befragt. 47 Prozent von ihnen sind zuversichtlich, dass sie Kind und Karriere vereinbaren können. In Deutschland lag der Anteil allerdings nur bei 21 Prozent. Dagegen sind 34 Prozent der Französinnen optimistisch. Die USA liegen mit 43 Prozent noch weiter vorne.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: In Deutschland gibt es zu wenig Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. Auch das traditionelle Familienbild steht der Karriere von Müttern entgegen. In den Ländern mit hohen Umfragewerten sieht das nicht unbedingt besser aus. Weltbank-Expertin Henriette Kolb erläutert, dass die Frauen in diesen Ländern eher auf die Hilfe von Verwandten oder auf niedrigbezahlte Hausangestellte setzen. In Deutschland wird das mangelnde Betreuungsangebot anders ausgeglichen: Frauen nehmen längere Auszeiten und arbeiten danach nicht voll. 69 Prozent der berufstätigen Mütter arbeiten laut Statistischem Bundesamt Teilzeit.

Wenn Teilzeit zum Erfolgsmodell wird

Für viele Frauen ist der Teilzeitjob die einzige Möglichkeit, Kind und Job zu vereinbaren. In der Regel arbeiten immer noch die Männer in Vollzeit. Das liegt auch daran, dass sie oft mit Nachteilen bei der Karriere rechnen müssen, wenn sie Stunden reduzieren oder länger in Elternzeit gehen. Dabei wollen viele Väter eigentlich weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben. Laut aktuellem Familienreport des Bundesfamilienministeriums wüschen sich 60 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren eine partnerschaftliche Aufteilung von Familie und Beruf. Aber nur 14 Prozent können sich diesen Wunsch erfüllen. Gefragt sind also neue Arbeitszeitmodelle, die Eltern mehr Flexibilität geben, um Familie und Beruf partnerschaftlich aufzuteilen.

Jennifer Zumbusch

Der Betriebsrat der Bayer Vital GmbH wurde mit dem Sonderpreis "Arbeitszeitgestaltung" ausgezeichnet. "Teilzeit im Außendienst": Für dieses Projekt wurde der Betriebsrat der Bayer Vital GmbH mit dem Sonderpreis "Arbeitszeitgestaltung" ausgezeichnet.

Beim Unternehmen Bayer Vital hat der Betriebsrat deshalb den Anstoß dazu gegeben, Teilzeit selbst im Außendienst zu ermöglichen. Für die Pharmareferentinnen und -referenten war Teilzeit lange tabu, obwohl sie im Innendienst selbstverständlich war. Der Betriebsrat befragte die Beschäftigten und konnte zeigen, dass der Bedarf nach Teilzeitarbeit auch im Außendienst hoch war. Ein neuer Geschäftsführer ließ sich 2011 auf ein Pilot-Projekt ein: Job-Sharing. Zwei Beschäftigte teilen sich einen Job.

Nach der erfolgreichen Testphase gibt es seit diesem Jahr eine Betriebsvereinbarung für das Job-Sharing-Modell im Außendienst. Leiharbeitskräfte füllen die reduzierten Stellen auf, nach einem Jahr bekommen sie eine befristete Stelle. Derzeit nehmen insgesamt 50 Mitarbeiterinnen – Sharing-Partnerinnen eingerechnet – das Modell in Anspruch. Die Hauptgründe: Kinder, Gesundheit und Pflege Angehöriger. Maximal drei Jahre ist das möglich, bei besonderem Bedarf auch fünf. Der Betriebsrat von Bayer Vital ist deshalb nominiert für den Deutschen Betriebsrätepreis 2015, einer Anerkennung für vorbildliche Betriebsratsarbeit.

Nach oben